Der Assassin


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Geständnisse eines Profikillers
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Vor etwa 20 Jahren hatte er es gefunden. Das alte Bauerngehöft, verschlafen und von der politischen Wende unbeeindruckt. Groß ist es, baufällig war es, zwei Stockwerke hoch und eine riesige Scheune. Niemand wollte es haben. Die Suche, nach der Wende einen Eigentümer zu finden, blieb erfolglos. Ein Haus, das niemandem gehörte. Gab es so etwas? Das große Grundstück, auf dem es steht, besteht aus einer riesigen Mischwiese mit Obstbäumen. Drumherum Felder, soweit das Auge reicht. Aber auch strategisch gesehen war es für Tobias wichtig, dieses Grundstück zu besitzen. Das flache Land war in alle Himmelsrichtungen hin überblickbar, keine direkten Nachbarn und nach hinten heraus ein Steg in die Ostsee. Dort lag in einem kleinen, verfallenen Schuppen ein Boot, das es wohl an Schnelligkeit mit jedem Verfolger aufnehmen konnte.

Tobias Moler, eine Identität mit allem, was dazugehörte, hatte er damals nach dem Italienjob angenommen. In die stark strapazierte Bauweise des Anwesens war er immer schon verliebt. Das Gehöft schien, jedenfalls zum damaligen Zeitpunkt, Ähnlichkeit mit ihm zu haben. Es war kaputt und runter gekommen. Tobias war nach langer Zeit des Untertauchens kaputt und runter gekommen. Es sah in der Tat so aus, als hätte es auf Tobias gewartet um durch seine Hand zu neuem Aussehen und Glanz zu gelangen.

Als er das Anwesen nach einer gewissen Karenzzeit, in der er hoffte, ein Eigentümer würde sich noch melden, von der Gemeinde kaufen wollte, wurde ihm gesagt, dass alle bekannten Eigentümer verstorben seien. Später dann wurde ihm berichtet, dass ein Mäks Dewinter Anspruch auf das Anwesen erhoben habe. Moler suchte Mäks Dewinter und stieß auf einen Notar bei Stralsund, der ihm ein Dokument aushändigte, das Tobias als Eigentümer dieser Gegend auswies. Moler konnte sich das nicht erklären. Ungewöhnlich. Ein unstrukturiertes Durcheinander. Jemand kannte ihn. Jemand wusste, wo er wohnte. Dieser jemand wusste wahrscheinlich auch, dass er ein Assasini sei, jemand, der für Geld Menschen umbringt. Waren die letzten Auftraggeber etwa die Eigentümer dieses Grundstückes und bot man es ihm an, um immer einen sicheren Zufluchtsort zu haben. Wie dem auch sei. Eine Person kannte ihn und konnte ihn notfalls auch eliminieren.

Er wollte einfach einen günstigen Augenblick abwarten, um das Grundstück mit den aufstehenden Gebäuden selber zu sanieren. Deshalb beließ er es noch einige Jahre in diesem Zustand. Erst als er sicher war, dass sich niemand darum kümmern würde, setzte er die geplante Renovierung in Gang.

Er hatte mehrere Jobs in den letzten Monaten durchgezogen und fühlte sich innerlich ausgebrannt, leer und erschöpft. Er fühlte sich aber auch verletzt durch Menschen, die ihm zu nahe kamen, ihm die Luft zum Atmen nahmen. Kurzerhand beschloss er eine Auszeit, regelte seine Geschäfte in Deutschland für einen absehbaren Zeitraum und zog sich zurück in die Einsamkeit seines Gehöftes. Hier hatte er das erste Mal das Gefühl, nun in Sicherheit zu sein. Eine Sicherheit, die ihm jemand gab, den er nicht kannte.

Trotzdem war es nun an der Zeit, mit eigener Schaffenskraft und eigenem Willen das Land zu säubern und die verfallenen Bauten wieder aufzustellen. Wäre ihm der, der ihn zum Eigentümer gemacht hatte, nicht freundlich gesonnen, dann hätte er das in der Zwischenzeit am eigenen Leib erleben müssen.

Tobias zog sich nun zurück um das Gehöft, das er nun sein Eigen nennen konnte, zu renovieren. Immer mehr merkte er, wie er zusammen mit dem Haus eine Einheit bildete. Er heilte seine Wunden und schloss gleichzeitig die Verletzungen des Hauses. Er fühlte sich zunehmend besser.

Tobias ging sehr behutsam vor, Zimmer für Zimmer, Diele für Diele, so als hätte er Angst, dem alten Haus Schmerzen zuzufügen. Alles machte er von Hand, sehr vorsichtig, so als würde er ein altes Ölgemälde renovieren. Die Materialien fand er in den umliegenden Städten, bis Heringsdorf. Unbewohnte, unrenovierte Patrizierhäuser mit gusseisernem Balkonbrüstungen, Holztreppen, die mit einem sprachen, weggeworfene Baumaterialien, die dennoch ihren Sinn erfüllten. Auf diese Art und Weise fanden viele Dinge zu ihm: altes Glas, Fensterrahmen, ausgetretene Treppen und Türen und somit auch die Geschichten von längst verstorbenen Menschen aus einer anderen Zeit.

Heute, nachdem das Gebäude fertiggestellt ist, hat jedes Teil seinen eigenen Klang. Wenn Tobias Moler am offenen Kamin sitzt und der Wind bläst, kann er jeden Gegenstand, der ein Geräusch von sich gibt, beschreiben. Die Treppe klingt hohl, wenn der Wind seine Backen aufbläst. Jede Ecke, jedes Teil hat seinen eigenen Klang. Betritt jemand fremdes die Treppe, ächzt und wehrt sie sich unter seinen Tritten, gibt kund, ob der Treppenbesteiger Freund oder Feind ist.

Tobias erkennt jede Tür, die bewegt wird. Er kann einen Besucher in seinem Haus durch die Geräusche, die er hinterlässt, akustisch verfolgen. Die verglaste Tür im Wohnzimmer ist für ihn wie ein Instrument, wenn das Glas vibriert und das Schloss ein wenig hakt. Die Haustür muss beim Öffnen leicht angedrückt werden. Der hereingeschleuderte Luftzug setzt ein Mobile aus Glas in Bewegung, um einen Besucher anzukündigen oder eben den Hauseigentümer vor irgendetwas zu warnen. Ich höre, wie das Holz mit mir spricht!