Schmetterlings-Schwestern


Download
Kloster.pdf
Adobe Acrobat Dokument 49.2 KB

Philipp war für seine spontanen Entscheidungen bekannt. So war es nicht ungewöhnlich, als er eines abends seinen Rechtsanwalt Dr. Cord Leusen anrief und ihn auf das Gestüt hinaus bestellte. Cord hatte sich mit Händen und Füssen gewehrt, immerhin war der Besuch bei Philipp mit nahezu einer Autostunde Fahrt verbunden.

>>Kann das nicht bis morgen warten, Philipp, << hatte er schlecht gelaunt seinem Auftraggeber geantwortet? Doch dieser blieb ihm die Antwort schuldig.

 

Der Sommer wollte nicht so richtig durchkommen und zeigte noch sein kaltes Gesicht. Es war eher ein ungemütlicher Tag, der ohne erkennbaren Ansatz in eine Nacht übergegangen war. Leusen hatte seiner Frau einen Zettel in die Diele gelegt, damit sie sich keine Sorgen über sein Verschwinden machte. Dann rieb er sich mit dem Zeigefinger der linken Hand über den Nasenrücken und machte sich auf den Weg. Korrekt gekleidet, mit einem frischen weißen Hemd, Anzug, Krawatte, Mantel, wie es seine Art war, bestieg er seinen Mercedes und setze diesen in Bewegung. Knapp eine Stunde später, kurz nach zwei Uhr stand er seinem Auftraggeber Philipp Blumenberg gegenüber.

>>Schön, dass sie kommen konnten<< sagte Philipp, seinem Gegenüber die Hand reichend.

>>Hatte ich eine Wahl? << raunte dieser.

>>Schauen sie sich das an, Cord<< Philipp hatte alte Besitzdokumente und Baupläne vor sich liegen. Leusen schaute sich mürrisch die alten Zeichnungen an, ohne zu wissen, worauf Blumenberg hinauswollte. >>Schauen sie auf die Daten, schauen sie auf die Daten, Cord<< wiederholte Philipp mit kalter ungeduldiger Stimme.

>>Was soll damit sein? <<

>>Die Dokumente stammen aus einer Zeit vor dem Nationalsozialismus. <<

>>Ja und? Zu dieser Zeit waren Gestüt und Kloster baulich miteinander verbunden. War da nicht früher eine Schule oder ein Internat << antwortete Leusen.

>>Ja, wenn sie sich die Verträge ansehen, die vom 12. Dezember 1929 stammen, stellen sie fest, dass das Kloster vom Gestüt wirtschaftlich abhängig war. << Er sagte das in einem Ton, als hätte er gerade einen Sieg errungen. Mit der Hand schlug er auf handschriftliche Dokumente, die vor ihm lagen.

>>Worauf wollen sie hinaus,<< Philipp.

>>Wenn dieses Kloster nicht bereits zum Besitz dieses Gestüts gehört, möchte ich es kaufen. <<

>>Was wollen sie mit einem alten runtergewirtschafteten Kloster? <<

Doch die Frage blieb unbeantwortet im Raum.

Wie hatte er als Kind in diesem Kloster gelitten. Die Menschen erzählten sich über den Verbleib der Nonnen wilde Geschichten. Nun stand es lehr. Hatte der Teufel die Nonnen geholt?

Wie dem auch sei, das Gebäude zog ihn magisch an. Der Teufel hatte sich ja schon mehrfach dort gezeigt und offenbar auch heimisch gefühlt. Doch nun wollte er dem Teufel zeigen, wessen Zuhause dieses Gemäuer werden sollte.

Die Nachforschungen von Cord ergaben, dass das Anwesen tatsächlich zum Verkauf stand. Das Mutterhaus, das sich als rechtskräftiger Nachfolger dieser Immobilie ansah wollte sich recht schnell davon trennen. Die Schwestern – so hieß es - waren nicht in der Lage, es wirtschaftlich zu unterhalten.

Das war genau das, was Philipp hören wollte. Grob rechnete er die Kosten durch und entschied dann, das Gestüt nicht mehr als Wohnsitz zu führen, sondern als selbstständiges Wirtschaftsunternehmen. Er selbst würde je nach Bauzustand, das kleine Kloster kernsanieren und darin wohnen und arbeiten.

Lliam hatte Philipp geraten, sich von beiden Immobilien fernzuhalten, sowohl von dem Kloster, als auch von dem Gutshof. Er hatte als Freund mitgekommen, welche Qualen Philipp unter seiner Großmutter und den Nonnen erleiden musste. Das sein Freund sich so schwertat mit dem Vergessen, machte Lliam traurig. Ein Mensch, der so abgrundtief hasst, hat kaum noch Platz für andere, schönere Ereignisse. Trenne dich von deiner Vergangenheit, hatte er immer wieder warnend gesagt.

Philipp hatte ihm geantwortet,

>>ich muss hier wohnen, weil meine Seele noch kein anderes Zuhause gefunden hat. Ich habe hier eine Seite des Lebens kennengelernt, die für andere Menschen fremd war<< – er strich mit seiner Hand nachdenklich über die Ziegel in der Wand-.

>>Ich habe dabei erfahren müssen, wie schmal der Grad sein kann, der unseren Alltag von einer Tragödie trennt. << Sein Körper war merkwürdig angespannt, seine Gesichtszüge hart und konsequent. >>Ich höre sie nachts immer noch rufen, die Nonnen. Dann stehe ich auf und laufe umher, rieche das Wachs und höre die Chorgesänge. <<

Dann plötzlich machte er eine abfällige Handbewegung, als wolle er das eben Gesagte damit unterstreichen. Seine Steifheit löste sich und es war, als wäre ein ganz anderer Mensch in ihm.