Hermi-Schwinger


 

Mein Onkel war ein herzensguter Mensch. Er war fast zwei Meter groß und hatte massig viel Kraft. Meine Tante ist eine quirlige kleine Person, die wacker und aufgeschlossen ihren Mann steht und gleichzeitig mehrere Jobs erfüllte. Sie glaubte, der Heilige Geist habe ihr die Kinder geschenkt, doch es war Hermi.

 

Hermi war Bergmann, genauer gesagt Hauer. In Zeiten des Wirtschaftswachstums stand er an vorderster Front und hatte jede Überschicht mitgenommen, die er auf dem Pütt bekommen konnte. Fiel jemand aus, Hermi war da! Wurde jemand krank, Hermi war da! Hermi war immer zur richtigen Zeit am richtigen Platz.

 

Der Familie mit vier Kindern mangelte es an nichts. Wenn sie von der Schule kamen, bekamen sie gleich von meiner Tante eine Ohrfeige.

 

>> Warum schlägst du uns, Mutter? <<

 

>> Das ist die Strafe dafür, was ihr heute tagsüber angestellt habt. <<

 

>> Wir haben nichts angestellt! <<

 

>> Dann gilt die Backpfeife schon für das nächste Mal, wenn ihr wieder etwas anstellen solltet. <<

 

Hermi züchtete Hühner, Gänse, und Karnickel und ein Schwein. Schlachten konnte er die Tiere nicht, da er ein soziales Verhältnis zu ihnen aufgebaut hatte und auch täglich mit ihnen sprach. Wenn es dann soweit war, kam der Schlachter und machte aus den Tieren portionsreife Freßpakete. Die sahen dann aus, wie bei Bofrost. Meine Tante hatte mehrere Kühltruhen und das Fleisch musste für ein Jahr den Hunger stillen. Sowohl meine Tante Heta als auch Onkel Hermi boten jedem in der Familie genug Fleisch an.

 

Eines Tages wurde mein Vater von zwei angetrunkenen Rüpeln angegriffen. Seine maßgefertigte Kleidung geriet in Unordnung. Zu seiner sauber gerichteten Krawatte sagte der eine, das sei ein Reisepass für Arschlöcher. Hermi verteidigte meinen Vater. Mit dem sogenannten Hermi-Schwinger schlug mein Onkel sie in die Flucht.

 

Und da war sie, die zündende Idee.

 

Mein Vater wollte Onkel Hermi dazu bringen, den vorhandenen Hermi-Schwinger zu perfektionieren.

 

In der Gaststätte Brechtmann sollte ein Trainingslager eingerichtet werden. Kaiserhof, so nannte Brechtmann seine Kneipe. Der richtige Rahmen für den Hermi-Schwinger. Prophylaktisch wurde der Nebenraum der Kneipe zu einem Trainingscamp umgebaut. Säcke die Onkel Hans bereit gestellt hatte und in denen vorher Kohle war, dienten erst einmal als Trainingsmaterial. Sie wurden mit Sand gefüllt und dann an die getäfelte Decke gehängt.

 

Mein Vater, vom ersten Tag an Hermis Manager, wollte den ersten Kampf arrangieren.

 

Er jagte Hermi mindestens 10 mal um den Schlosspark, während mein Vater auf einem Mofa nebenherfuhr und die Zeit nahm. >>Du must noch schneller werden Hermi, << motivierte er seinen Schwager.

 

 

 

 

Der erste Gegner war Pole und um die Hälfte kleiner als Hermi. Als beide in den Ring traten, tänzelte Hermi so lange um ihn herum, bis der Gegner schwindelig wurde. Also blieb Hermi stehen, verzichtete auf den über die Grenzen hinaus bekannten Hermi-Schwinger und drückte den Gegner - wohl etwas zu heftig auf den Kopf-.

 

Was Hermi nicht ahnte war, wenn man als größerer Mensch einem Kleineren zu sehr auf den Kopf drückt, also das Gewicht des Größeren auf den Kleineren wirkt – sei das auch noch so lieb gemeint -, kann der Kleinere anschließend Werbung für McDonald laufen. Die Schicht zwischen Haaransatz und Kiefer ist bei einem kleinen Menschen so desolat, dass man das Gebilde schlicht zusammenschiebt, wie ein Mettbrötchen. Erst jetzt verstand Hermi, warum Hans immer wieder rief, nimm die Hand darunter, die ist zu schwer für ihn. Das Blut rann dem Kleinen aus dem Mund. Hermi hatte - als er ihn auf den Kopf faßte - zu stark zugedrückt und dabei war die Zungenspitze in Verlust geraten. Das war nicht weiter schlimm, denn der Pole hatte ja noch die andere Hälfte.

 

Hermi hatte zwei kämpferische Schwächen. Die Erste war, das hatte mein Vater übersehen, Hermi wurde bei dem Anblick von Blut ohnmächtig. Die Zweite war – auch das hatte mein Vater nicht bedacht - Hermi konnte keinem Menschen absichtlich Schmerzen zufügen. Das war für einen Sportler in dem Metier eine denkbar schlechte Voraussetzung.

 

Da die beiden sich nun die sportliche Karriere in den Kopf gesetzt hatten, musste die Geschichte anders beginnen.

 

Meine Tante gab Hermi etwas mehr als das Taschengeld, das er sonst bekam. Mein Vater bekam ebenfalls etwas mehr Geld, da es darum ging, Hermi einen Anzug in Gladbeck zu kaufen. Hermi hatte nur seine Arbeitstracht und war von einem Anzug weit entfernt. Mein Vater war da der Fachmann, auch wenn dieses Ding von der Stange sein sollte. Etwas anderes war halt zu der Zeit nicht drin. Mein Vater, als Manager, fühlte sich sicher in Gegenwart von Hermi und so machte man sich auf den Weg, die berechneten 17,5 km als Sportler zu Fuß zu laufen. Man wolle das Fahrgeld sparen und schließlich das Ersparte in gepolsterten Achselstücken investieren, damit der Kämpfer Hermi eine korpulentere Statue wiedergab.

 

Der Krieg hatte seine Spuren noch nicht richtig verwischen können und so eilte Heta drei Tage nach dem Verschwinden von Hermi und Willi – mitten im Winter – zu ihrer Schwester. >> Hast du etwas von Willi und Hermi gehört << fragte Heta besorgt. Telefonzellen gab es ja zur damaligen Zeit noch sehr selten.

 

>> Nein << war die Antwort und man machte sich auf den Weg, die beiden zu suchen. Nach etwa 11 km sah man aus der Ferne eine Parkbank, fast zugeschneit aber mit einer Erhöhung darauf. Als man sich dieser Bank näherte sah man Willi in der einen Richtung liegen und Hermi in der anderen. Beide Frauen vermuteten etwas Schlimmes und wollten sofort die Polizei hinzuziehen. Doch als Heta näher an Hermi herankam und an ihm roch, diagnostizierte sie den Zustand auf Anhieb. Als Hermi dann zu seiner Frau - mein kleines Häkeltörtchen - sagte erfuhr er zum ersten Mal

 

 

durch einen Heta-Schwinger, was gezielte Boxkunst sein kann. Willi wurde von Hermi geweckt und so gingen alle – eher sprachlos – nach Hause.

 

Von dem Geld, von dem der Anzug erworben werden sollte, war allerdings nichts mehr vorhanden. In den Kneipen zwischen Herten und Gladbeck war das Geld investiert worden. Willi wollte ja nicht nur Hermi aufbauen, sondern Boxtrainerberater sein. Aus dem Grunde musste er die einschlägigen Kneipen ansteuern und für Hermi werben.

 

Zwei Tage später! Die beiden hatten sich erholt. Im Kaisersaal wurden Wetten abgeschlossen, wer denn den Kampf gewinnen würde, Hermi oder Dr. Schoch, ein russischer Mediziner, der seine Doktorarbeit in Russland mündlich abgeliefert hatte.

 

Die Glocke ertönte und der Kampf begann. Hermi sank – wie von Zauberhand getroffen - zu Boden! Alle Kneipenbesucher riefen Hermi, Hermi, Hermi. Doch Hermi nahm seine Umwelt nicht mehr wahr. Hermi blieb dort liegen wo der Doktor ihn hin befördert hatte. Mehr durch Zufall als durch einen gezielten Schlag hatte der Doktor Hermi zu Boden geschickt. Er, der Doktor, wollte nur bei Ertönen der Glocke siegessicher den Arm heben, als er versehentlich Hermis Kinn traf.

 

Kieferbruch diagnostizierte Willi und brach den Kampf ab.