Konfektion


Mein Vater steht vor seinem Geschäft, die Hände beidseitig in die Hüften gestemmt.

>> Was ist da los Willi, << fragte er seinen Sohn.

>> Was meinst du? <<

>> Der Konfektionist hat die Dreistigkeit, vis-a-vis ein Geschäft für Herren- und Damenbekleidung zu eröffnen. Das schmälert sehr unseren Umsatz, mein Lieber, << sagte er zu mir.

Er nannte mich immer mein Lieber, wenn er große Sorgen hatte.

>> Wir << – so fuhr er fort – >> sind weit und breit die einzigen Anbieter von englischer Schurwolle. Niemand hat uns hier in der Gegend übertroffen. Wir führen hier die Haute Couture in dieser Stadt und keine Konfektionsware. << Dabei fuhr er mir gerade und aufrichtig wie er war, mit dem Zeigefinger vor dem Gesicht herum, als wolle er meine Brille putzen.

>> Bitte reg dich ab, << sagte ich zu ihm, wir werden der Sache schon auf den Grund gehen.

Einige Tage schauten wir uns das an. Menschenströme rauschten in den Konfektionsladen.

>> Willi, Willi, rief mein Vater, besorge auf der Stelle Testkäufer. <<

Das war leichter gesagt als getan. >> Testkäufer? << Ich bot also gegen ein kleines Zubrot meinen Kollegen von den städtischen Nahverkehrsbetrieben an, den Laden zu betreten und diesen auszukundschaften. Gerne wurde das Angebot angenommen, zumal meine Testkäufer nicht zum Bekanntheitsgrad dieses Konfektionisten gehören dürften. Auch war von meiner Seite klargestellt, dass ich keine Einkäufe bezahle, sondern nur so eine Art Testprämie in begrenztem Maße abgab.

Vierzehn Tage später erzählten mir sowohl die männlichen als auch die weiblichen Testkäufer fast übereinstimmende Geschichten. Es war die Rede davon, massenhaft Ware im Laden zu haben und dann noch über mehrere Stockwerke. Dann, die Schilder vor der Tür, heute 15 % Rabatt, das schlug natürlich ein wie eine Bombe. Der Laden wurde schlichtweg leergekauft, ohne dass es eine plausible Erklärung dazu gab, mit Ausnahme des Rabattes.

Ich kannte den Eigentümer des Hauses und so war es mir ein Leichtes, die Baupläne zu besorgen. Das Objekt ist weitgehend von den Kriegsschäden unversehrt geblieben. >> Es gibt aber nur eine Etage in dem Geschäft << sagte ich meinem Vater. Die Testkäufer berichteten aber mindestens von zweien.

>> Hilft alles nichts mein Lieber, du musst da selber dran. Vielleicht hat er dich als meinen Sohn noch nicht wahrgenommen. <<

>> Danke für das Kompliment rief ich meinem Vater hinterher, << der aber bereits mit anderen Dingen wieder beschäftigt war und dann noch einmal kurz auf mich zukam.

>> Er besprach mit mir die Details, << setzte mich in einen Anzug, den der örtliche Graf mangels Masse nicht abgeholt hatte. Der Graf, von dem hier die Rede ist, war so klamm, dass er sich von seinem Bediensteten einen Kellnersmoking auslieh, den mein Vater standesgemäß umarbeiten sollte. Immerhin war als Hinterlassenschaft eine fast leere Packung Eckstein in der linken Brusttasche.

Mit dem Gehstock klopfte ich leicht gegen die Eingangstür.

>> Ist hier noch geschlossen oder warum wird einem zahlungskräftigem Kunden wie mir nicht die Tür aufgehalten? <<

Sofort spritzte der Geschäftsführer heran >> excusez-moi, mein Herr. Gutes Personal zu finden ist heute fast unmöglich. Noch einmal Entschuldigung << faselte er in einem etwas dahergeholten französischen Tonfall.<<

>>Soll es etwas für sie sein oder eher für die Gattin ? << >> Sowohl als auch!<< lautete Willis Antwort. >>Ich möchte Geld hierlassen, viel Geld und ich hoffe, sie können meine Wünsche befriedigen.<<

Um die Situation auf die Spitze zu treiben sagte ich, >> los laufen sie flux, holen sie einen Juwelier hierher, mit den besten Stücken soll er zurückkommen, damit meine Frau sie mit dem Gewand ausprobieren kann. Geld spielt hier überhaupt keine Rolle, mein Lieber. << Nun durfte ich auch einmal mein Lieber sagen. Das fühlte sich gut an.

Es war mir gelungen alles in Aufruhr zu versetzen. Der Laden unten war geräumig und optisch gut eingerichtet. Überall hingen Spiegel an der Wand, die natürlich Laden und Auswahl noch größer machten. Snacks und Champagner wurden gereicht und als ich über die Schulter sah, konnt ich auf der Kranzplatte meinen Vater in drohender Haltung stehen sehen.

 

>> Ich habe sieben Anzüge mit Weste ausgewählt, darunter einen Stresemann, zwei Zylinder und einen Gehrock. Alle Teile wurden beiseite gelegt. << Zischenzeitlich kam der Inhaber, dessen Gesicht mir bekannt war, im Laufschritt mit dem Juwelier zurück. Eine junge Dame aus unserm Laden mußte halt meine Verlobte spielen und das tat sie gar nicht einmal so schlecht.

Dem Inhaber sagte ich, >> ich habe einige Anzüge beiseite legen lassen, doch erscheint mir der Verkaufsraum ein wenig klein.<<

>> Das  mag ihnen so vorkommen,<< antwortete der Mann.

>> Möchte die Dame in die erste Etage, wo wir das nette Herrenspielzeug aufbewahren und auch Frauen in jeder Beziehung zu ihrem Recht kommen?

<< Bitte unterlassen sie diese dekadenten Anspielungen sonst kann ich sie keinesfalls meinen Freunden weiterempfehlen. <<

>> Bitte nochmals um Verzeihung der Herr, die Dame natürlich auch.<<

>> Wo ist denn hier die Treppe zu dem besagten Lussttempel? <<

>> Haben sie das nötig, eine Treppe zu steigen meine Liebe.

>> Er nahm ihre Hand und deutete einen Handkuss an.<<

>> Bitte unerlassen sie das !<<

>> Selbstverständlich, verzeihung ! <<

>> Nein wir fahren mit dem Aufzug. Das bin ich meiner Kundschaft schuldig.<<

In der Mitte des Raumes stand ein nach außen hin erkennbarer Aufzug, in Wirklichkeit war es ein massiver Holzkasten auf Federn, der an jeder Seite eine Schiebetür hatte. In dem Holzkasten selber befand sich ein Aufzugführer in Uniform und der Aufzug fuhr bis in die erste Etage, so zeigte ein großer Zeiger es an, der äußerlich von einer Mitarbeiterin gedreht wurde, wie sich später herausstellte.

>> Nein sagte ich, dieses moderne Zeug ist mir nicht geheuer. Hinterher bleiben wir zwischen zwei Etagen stecken und kommen nicht wieder raus. <<

>> Madame et Monsieur, es ist eines der sichersten Transportbewegungsmittel, die es gibt. Vertrauen sie mir ! <<

Jetzt fiel Willi wieder ein, woher er das Gesicht des Geschäftsführers kannte. Es war Hermis

Sparringspartner. Also war auch Vorsicht geboten. Wenn dieser Sparringspartner einen von Hermis

Hermi-Schwingern abbekommen hatte, wird das bleibende Schäden hinterlassen haben.

 

Meine ausgeliehene Frau suchte sich jede Menge Bekleidung aus und ließ es in das Hotel zur Post bringen.

>> Dürfte ich um eine Anzahlung bitten, << fragte der Geschäftsführer.

Willi drehte sich wie einen Kreisel herum und sagte zu seiner Frau, >> Täubchen, es war nicht die Rede davon, die Ware ungeprüft zu bezahlen. <<

>> Der Herrenausstatter dort drüben << und dabei zeigte er mit spitzem Finger auf den Laden vis-à-vi, >> der fertigt mir auf der Stelle 10 Anzüge ohne Anzahlung an und ich zahle sie im ersten Jahr nach Fertigstellung, wenn ich dazu gewillt bin und die Qulität prüfen konnte. <<

>> Also behalten sie das, was sie Bekleidung nennen und suchen sich einen anderen Dummen. <<

>> Wenn sie mich suchen, ich bin bei dem Herrenausstatter. <<

>> Bitte bleiben sie doch! Wir können über alles sprechen! <<

>>Mir scheint, sie haben die Distanz zu den Dingen vergessen. Der Kunde ist König und nicht umgekehrt.<<

>> Nehmen sie doch bitte ein letztes Mal meine aufrichtige Entschuldigung an ! <<

>> Das, mein lieber Freund, war das letzte Mal. Noch so ein Fauxpas und sie sehen mich hier nicht wieder. <<

>> Aber beantworten sie mir noch eine Frage ? Wie lange haben sie den Aufzug schon ? Ich habe ihn mir vor wenigen Wochen einbauen lassen. <<

>> Meine Frau hat sich darin an der Tür Verletzt und würde sich jetzt gerne an den Hersteller wenden, zwecks Zahlug einer Entschädigung. <<

>> Oh, ich bin untröstlich und wäre gewillt, die Schuld des Aufzugbauers auf mich zu nehmen. Wieviel Geld darf ich ihnen als Entschädigung anbieten ?<<

>>Und sie sind Schuld warf der Geschäftsführer dem Aufzugführer vor, << der trostlos dastand.

>> Haben sie eine Erklärung dafür sagte ich zu dem Fahrstuhlführer.<<

>> Ja habe ich. In der Mitte des Geschäftes steht eine schwarze Box auf starken Federn gelagert. Die Box ist so groß, dass 5 Personen darin platz finden. Sind dann alle Persoen in der Box, wird die Eingangstür verriegelt und das andere Personal setzt mittels der darunter installierten Federn das Gehäuse in Gang, so dass der Eindruck entstehen würde, das Gefährt bewegt sich nach oben oder nach unten. Nach einiger Zeit leuchtet auf der Blinkanzeige die Nummer 1 auf, ich öffne die Tür und die Damen befinden sich in einem Bereich für Damenoberbekleidung. <<

>> Also mit anderen Worten, das Geschäft wurde nur abgetrennt, in der Mitte eine bewegliche Schleuse eingebaut und dem Kunden durch den zweiten Ausgang vorgemacht, es gebe eine zweite Etage, die es in Wirklichkeit nicht gab. Das ist Betrug. Ich empfehele ihnen sehr, an eine finanzielle Gutmachung zu denken. <<

Plötzlich raste der Gechäftsführer heran und schrie wie wild um sich. >> Verlassen sie auf der Stelle mein Haus. Sie haben hier nichts mehr zu suchen. Alles raus hier alles raus, das ist mein Bekleidungshaus.<< >> Den Angestellten rief er hinterher, ihr seid alle entlassen, auf der Stelle und fristlos.<<

Nun drehte ich mich noch einmal schadenfroh um und rief >> Herr Okkoleski, da hinten steht der Gerichtsvollzieher, der möchte die geborgte Ware wieder abholen. Da hinten stehen ihre angeblichen Kunden, die den Lockvogel für den Einkauf spielen sollten, die warten auf ihr Geld.

>>Auf wiedersehen, Herr Okkoleski !<<

>>Sie kenne ich doch,<< antwortete Okkoleski.

>> Sie waren doch Manager bei Eisenhauer Hermi !<<

>> Genau, das hießen sie noch Rocko. <<