Krimilesung

Der Ärger mit dem Publikum


Ich nahm gerade Platz, auf diesem dünnen, zerbrechlich wirkenden Stuhl, der unter meiner spürbaren Last quietschende Kommentare von sich gab, als wolle er mir zu verstehen geben, wir beide passen nicht zusammen. Ich ignorierte diese Warnung. Langsam und mit Bedacht setze ich meine Nickelbrille auf, eine Hinterlassenschaft meines Vaters. Ich bin kein Brillenträger dachte mir aber, dass die Brille während meiner Vorlesung mir den richtigen intellektuellen Rahmen geben würde. Ich übte also zu Hause vor dem Spiegel das Auf- und Absetzen, wobei ich mit der rechten Hand an das rechte Gestell fasste, den rechten Bügel vom Ohr zog und den anderen Bügel, wie von selbst, nachzog. Dann schaute ich, wie erstaunt in die Menge, und erhoffte damit einen Spannungsbogen zu erzeugen, setzte anschließend die Brille mit beiden Händen wieder auf und las meinen Text weiter, immer mit längeren Pausen und in die Menge schauend, um eine gewisse Gewichtung meiner Kunst zu dokumentieren. Die Luft in dem Raum war trocken und schwül. Mein Vorschlag, ein Fenster zu öffnen verhallte unbeantwortet in dem Stimmengewirr des Publikums. Ich schlug meine Manuskriptseiten auf, schlug die Beine lässig übereinander, rückte meine Brille gerade und begann aus meinem Manuskript vorzulesen.

 „Manchmal, wenn das Licht ganz weggeht und wenn es dunkel ist, schlafe ich ein. Wenn ich schlafe, kann mir nichts passieren und dennoch glaube ich, auf einer sich langsam drehenden schwarzen Scheibe zu liegen. Sie dreht sich langsam und richtet sich empor, sodass ich Mühe habe, mich festzuklammern. Sie hat die Konstruktion einer Schallplatte mit vielen schwarzen Rillen drin, wo Musik oder Wörter gespeichert sind. Aus diesen Rillen läuft eine rote Flüssigkeit, Blut. Alles schmeckt nach Blut, alles riecht nach Blut. Ein mir vertrauter Geruch. Aber all das ist mein Geheimnis, die Gerüche, die ich rieche, die Farben die ich sehe und die Gedanken, die ich denke. All das gehört zu meinem Schatz, den ich hüte fernab von den Schätzen anderer Menschen.“

Die Pflegerin sprach mich kurz an und wollte wohl ihren Unmut über meinen Text zum Ausdruck bringen. Ich hatte aber im Vorfeld schon geklärt, dass es sich um ein Kriminalstück handelt. Eine gewisse Spannung sollte mit diesen Texten schon erzeugt werden. Also setzte ich meine Brille wieder auf und las weiter.

 „Ich habe mich in jeder nur denkbaren Art aus der pluralistischen Ignoranz gelöst und unterliege meiner eigenen Gesetzmäßigkeit. Früher hat mich die Konfrontation mit dem Alltag keine Ruhe finden lassen. Es trieb mich zu Verhaltensweisen, die einen ganz besonderen Menschen aus mir machten. Hier und da eckte ich an, aber das wollte ich ja auch, deshalb stand ich abseits, abseits der Käfigratten.“

Was hat der Herr da gesagt, fragte eine ältere Dame aus der ersten Reihe des Speisesaales, wo wir uns für diese Lesung verabredet hatten. Sie müssen lauter sprechen, man versteht sie ja kaum. Wann kommen denn die Musiker, fragte eine andere. Gewonnen, rief ein älterer Herr, der im Glauben war Bingo zu spielen. Wir wollten doch eine Tanzteeveranstaltung machen sagte wiederum eine andere, während ihr der Rollator wie von Geisterhand geleitet wegfuhr. Können sie mir bitte mal die Zähne holen, junger Mann?

Ich spüre, wie meine Künstlerseele Schaden nimmt, meine Sensibilität bricht und ich schaue ins Nichts. Dabei hatte ich so viele Erwartungen in dieses Vorgehen gesetzt. Ich hatte zumindest gehofft, dass die älteren Herrschaften ihre Hörgeräte synchronisiert hatten, Rollstühle und Rollatoren ruhig hielten, um störende Geräusche der Gummi- und Kunststoffreifen zu vermeiden. Eine Dame machte sogar ihren Unmut dadurch sichtbar, dass sie, als eine Pflegerin mit einem Tablett Blasentee vorbeikam, einfach ihre Krücke, zwischen ihre Beine gleiten ließ, welches dann zu einem Ereignis führte, das ich an dieser Stelle nicht weiter beschreiben möchte. Ein älterer Herr kam stockend an einem Rollator auf mich zu, griff in die Brusttasche seines Jacketts, als wolle er einen Revolver herausholen. Doch es kam anders. Er zog einen Flachmann aus der Innenseite seiner Jacke, er war zerbeult und hatte mindestens einen Weltkrieg hinter sich. Erst nahm er einen großen Schluck, dann nahm ich einen kleinen Schluck mit verheerenden Folgen. Ich hatte das Gefühl, ich würde auf der Stelle erblinden, während mein alter Saufkumpan plötzlich ohne Rollator den Raum verließ. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die nur der Herr erklären kann.

Das Publikum kann ein Monster sein. Ein Tisch, ein Text ein Wasserglas waren alles, an dem ich mich festhalten konnte.