Solange wir Kinder waren, fiel es uns nicht schwer, auszudrücken was wir fühlten. Deshalb sprechen und schreiben kleine Kinder meist mit ihrer eigenen Stimme.

Peter Elbow >Writing with Power<

Sonntagsspaziergang

 

Als ich ein kleiner Junge war ging mein Vater oft stundenlang an Sonntagen – nach der Messe - mit mir spazieren. Die Mutter und die Tante beschäftigten sich derweil damit, das Mittagessen zuzubereiten. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich in unserer Umgebung noch sehr viele Bauernhöfe, Felder und großräumige Wiesen. Dementsprechend lang fielen auch unsere Spaziergänge aus. Wenn wir den höchsten Punkt unseres Ortes erreicht hatten, der etwas außerhalb unseres Dorfes lag, sagte mein Vater: Jetzt sind wir am „Krusen Bömken“, und dabei atmete er tief aus, als fiele eine schwere Last von ihm. Außerdem gab es dort noch eine Kneipe, aus der immer Stimmengewirr zu hören war. Westerholter, sagte mein Vater abwertend, ein eigentümlicher Menschenschlag!

Was heißt „Krusen Bömken“ fragte ich meinen Vater? Weißt du mein Junge, unsere Vorfahren, also dein Großvater mütterlicherseits und dein Großvater väterlicherseits sind sonntags schon immer diesen Weg gegangen. Sie haben sich dann stundenlang auf diese Bank gesetzt und über die Felder auf das Dorf geguckt, genau wie wir das jetzt machen. Ohne zu sprechen, fragte ich. Ja, nur maximal zwei Wörter wurden gesprochen und damit war der Tagesbedarf beendet. Der eine setzte sich auf die Bank und sagte „Ja, ja“. Der andere setzte sich auch auf die Bank und beim Verlassen sagte er dann „Ja, ja, dat mag wohl so sin, Wilhelm“. Die beiden gerieten darüber in Streit und als ich so in deinem Alter war, fragte ich beide Großeltern, wie es zu diesem Streit kommen konnte. Beide erzählten mir dann vom Krusen Bömken, wie sie nach einem langen Spaziergang sich unter die Eiche setzten und der Stille harrten. Als beide dann zuhause angekommen waren und sich wortlos die Hand gegeben hatten, sagte Wilhelm zu seiner Frau, mit dem gehe ich nicht mehr, der spricht mir zu viel.

Und – so bohrte ich weiter – was heißt nun am „Krusen Bömken“?

Mein eigener Vater war Anzugträger, dazu immer ein sauberes, schneeweißes Hemd eine dezente Krawatte, ordentlich, der Kleidung angepasste, blank geputzte Schuhe. Sein Vater, also mein Großvater, war selbstständiger Schneidermeister und hatte mitten in Herten sein Geschäft mit fünf Gesellen. So ließ sich auch der Anspruch ableiten, dass mein Vater zwei Anzüge pro Jahr maßgeschneidert bekam. Konfektionsware gab es ja noch nicht. Die Anzüge, die mein Vater trug waren aus schottischer Hochlandschafwolle gefertigt die, würde man sie heute kaufen, ein Vermögen kosten. Die Lebensdauer dieser Anzüge war fast unbegrenzt.

Nun bekam ich auch schließlich meine Antwort auf die mehrfach oben gestellte Frage. Grob gesagt antwortete mein Vater: >>Wenn du mit dem Rücken in einem bestimmten Winkel zur Antoniuskirche stehst, siehst du den Paschenberg mit seinen vielen schönen Feldern und einzelnen Gehöften. Den höchsten Punkt, den du ausmachen kannst, das ist das „Krusen Bömken“. Die starke Eiche, die dort einmal gepflanzt wurde, gehörte nun mal der Familie Kruse. Daher hat auch die Gaststätte ihren Namen. Du konntest also direkt von der Antoniuskirche bis zum Krusen Bömken gucken, weiter nicht. Der Begriff hat aber für uns auch eine zweite Bedeutung. Wenn du den rechten Teil neben der Hertener Strasse mit deinen Augen fixierst wirst du auf den Ebbelicher Weg gelangen. Hinter den Bahngleisen links schmiegt sich der Sienbecker Pfad an den Gleisen entlang bis zur Höhe „Krusen Bömken“. Am Ende des Sienbecker Wegs gehst du rechts ab und kommst auf den Talweg, der wiederum durch den Ebbelicher Weg abgegrenzt wurde. Alle Feldarbeiten, die verrichtet werden mussten, schaffte die Familie an einem Tag. Das Korn musste per Hand geerntet werden, es musste gedroschen werden, es musste sauber eingelagert werden. Nebenbei wurde Futter für das Vieh angebaut. Jede dieser Tätigkeiten und viele, viele mehr nahmen immer einen Tag in Anspruch. Uhren hatten unsere Vorfahren nicht, insofern ging man bei Tagesanbruch los und wenn es dunkel wurde, ging man wieder schlafen, tagaus, tagein. Wenn jemand krank wurde, wurde ein Tagelöhner eingestellt, jemand der von hier aus hinter dem „Krusen-Bömken“ wohnte.<<

>>Und was ist das für ein Gebäude hinter den Gleisen, was wie ein Gutshof aussieht?<< Wir sind schon häufiger da entlanggegangen!<<

>> Ja, das ist der Kräuterhof der Familie Schweisfurth, eine sehr angesehene und reiche Familie. Dort gab es eine Schweinebadewanne. Eine Schweinebadewanne? Ja, auf dem Gehöft wurden Schweine gehalten und abends wurde eine riesige Betonwanne – wie ein Schwimmbecken – mit Wasser gefüllt und die Schweine wurden darein getrieben, damit sie sauber wurden.<<

Und was war hinter dem „Krusen-Bömken“? Da wohnten Leute, mit denen wir nichts zu tun haben wollten? Bis dahin hatten unsere Vorfahren ihr tägliches Auskommen und das reichte der Familie. Was hinter dem „Krusen Bömken“ stand ging uns nichts an, auch nicht die Menschen, die in Herten lebten. Umgekehrt war es genau so. Keiner der beiden Parteien, vor und hinter den Bäumen von Kruse wollte mit der jeweils anderen Seite etwas zu tun haben. Man möge erkennen, wie klein die Welt damals war, als die Ernährung noch von einem Tagelohn abhing und dieser auch zum Maßstab genommen wurde.