Wo ist unser Dorf geblieben

Wo ist unser Dorf geblieben?

Ich stelle mir ein Dorf als kleine Gruppensiedlung vor. Ursprünglich ist dieses durch eine bäuerliche Wirtschafts- und Sozialstruktur gekennzeichnet. Mittendrin ist die Kirche, darum herum ist der Kirchplatz, dann wohnen um die Kirche herum die dorfältesten Familien und so zieht sich die Gemeinschaft immer weiter, bis ein kleiner überschaubarer Kreis erreicht ist. Jeder kennt jeden, die Männer arbeiten am Ort, man fühlt sich geborgen, geborgen in einer Gemeinschaft, die sich nach und nach stark verändert.

Bei meiner Reise durch Deutschland habe ich wenig von dem dörflichen Charakter kennengelernt.

Kühe, die über die Strasse trabten, um in ihren Stall zu gelangen, Hähne, die mit ihrem Krähen ihr Dasein bekunden, fehlten. Fünf Vollerwerbshöfe existieren in der Gegend, in der ich lebe und das mit nur mäßigem Erfolg. Die Bäuerin bietet von morgens bis abends Lebensmittel feil, die über einen Hofladen vertrieben werden. Die schon erwachsenen Kinder fahren die Wochenmärkte ab, um dort ihre Geschäfte zu machen. Kein Laden, kein Arzt, kein Cafe, keine Eisdiele bietet außerstehenden Menschen eine Anziehung. Selbst die Kirche öffnet nur nach Voranmeldung. Der Pastor ist häufig für verschiedene kleine Dörfer zuständig. Diakone unterstützen ihn bei seiner Arbeit. Ältere Menschen, die sich in der Öffentlichkeit nicht mehr so bewegen können, schauen sich die Heilige Messe im Fernseher an, wobei es letztendlich egal ist, ob es sich um eine katholische oder evangelische Messe handelt. Sowei liegen wir ja gar nicht auseinander sagen sie nach fester Zugehörigkeit zu einer Religion. Plötzlich ist auch die andere Religion akzeptabel.

Die Tiere des Bauern werden meistens außerhalb der Ortschaft gehalten und verbleiben dort einige Zeit, sofern das Wetter mitspielt. Saftige Weiden sind ein Muß.

Fährt man Richtung Osten sieht man große Agrarflächen und Dörfer, die kaum einen Mittelpunkt haben, wie Kirche, Kirchplatz usw. Die Bewohner scheinen sich alle auf einer Straße angereiht zu haben, wie Perlen an einer Kette. Größere Orte im Osten leisten sich eine Vorzeigestraße für die auswärtigen Besucher und Touristen, die es dem Besucher möglich machen soll, ein positives Bild von dem Ort zu erfahren. Dort stehen dann auch die Straßenhändler, die billige Jacken, Mützen und andere Souvenirs verkaufen. Dahinter Zerfall, stumme Zeugen eines gemeinschaftlichen Deutschlands.

Die Felder werden durch riesige Maschinen betrieben. Das macht es möglich, dass die jüngeren Menschen aus den Dörfern in die Städte auswandern, um dort bei etablierten Unternehmen zu arbeiten.

Fährt man durch so einen kleineren Ort im Osten, dessen Anfang das Ortseingngsschild ist und dessen Ausgang das Auf-Wiesersehen-Schild ist, wird einem wehmütig zumute. Sie scheinen noch heute isoliert und wie gelähmt. Man möchte ihnen zurufen, nehmt eine Schüppe in die Hand und baut eure Dörfer wieder auf, macht sie ansehnlich, auch für Fremde. Wartet nicht darauf, dass euch die Schüppe in die Hand gedrückt wird und das Baumaterial zur Verfügung steht.  

Dann wieder Menschen, die ihre Vorgärten pflegen, sehen sich verstohlen um, als hätten sie etwas zu verheimlichen. Sie schneiden mit einer Heckenschere Ornamente in ihre Vorgärten. Kirchen stehen hinter zugewachsenen Platanen verfallen, Klöster sind ihres Zweckes entraubt.